Raimund Ritter (geb. 1966) hat seine photographischen Wurzeln im Dokumentarfilm. Nach dem Studium an der heutigen Hochschule der Medien in Stuttgart (mit den Schwerpunkten Film und Video) arbeitete er einige Jahre als Assistent für den Dokumentarfilmer Peter Krieg in Köln und lernte dabei viel über den Umgang mit Komplexität und deren Reduktion.
Nach der „Wende” spürte auch er den Sog nach Osten, packte 1993 schließlich seine sieben Sachen und übersiedelte nach Berlin. Dort studierte Ritter einen Querschnitt durch die Sozial- und Geisteswissenschaften und nach einer unvollendeten Dissertation die Photographie. Seine Brötchen verdiente er sich als Setzer, Graphiker, Dozent (u.a. dffb), Hypertexter, Erzieher, Internet-native (u.a. hdk), Panograph (die Liste ist unvollständig -- Taxis hat er allerdings nie kutschiert).
„Stadtluft macht frei”. Diesen alten Rechtsgrundsatz hat der urbane Mensch Raimund Ritter als Lebensgefühl verinnerlicht. Der Flaneur Ritter hat Füße, keine Wurzeln -- seinen Photos ist das anzusehen: sie haben etwas nomadisches. Der Künstler strebt nicht nach Vollkommenheit und Richtigkeit -- seine Maßstäbe sind Originalität und Wichtigkeit.
Raimund Ritter untersucht soziale Prozesse und Kommunikationsstrukturen im urbanen Kontext -- er beobachtet und dokumentiert. Seine Befunde präsentiert er als Photoarbeiten und Buchobjekte sowie in Büchern und Mappenwerken.
Ritters Kunst ist rhizomatisch. Will man konkrete Werkgruppen vereinzeln, muss man entsprechend Segmentierungslinien definieren. Seine Arbeiten können an vielen Stellen untereinander verbunden werden; es gibt keinen Anfang und kein Ende.
Seine Serien Uferzonen, en passant und Eine Allegorie des Urbanen sind in diesem Sinne Intensitätszonen, herausgearbeitet aus dem vielwurzeligen photographischen Haufen, den Ritter unaufhörlich aufschichtet, umorganisiert und neu strukturiert.
(Text: Martin Frech, randgebiete.de)